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Ambulant oder stationär – Warum die Zukunft der Rehabilitation ambulant ist

Eine Rehabilitation kann grundsätzlich “ganztägig ambulant” oder “stationär” durchgeführt werden. Individuell kann es Faktoren geben, die eher für eine stationäre oder ambulante Behandlung sprechen – grundsätzlich sind beides jedoch gleichwertige Alternativen [Deutsche Rentenversicherung, 2020] Warum ist ein vorwiegend ambulantes Konzept dennoch sinnvoll?

Die stationäre Rehabilitation

Die stationäre Reha ist die Reha, welche die meisten Menschen bei dem ersten Gedanken im Kopf haben. Die stationären Reha-Kliniken befinden sich zum Großteil abseits von Zuhause in den Regionen, wo es schön ist. Der Patient kann sich entscheiden zwischen Reha-Kliniken an der Nord- oder Ostsee, im Harz, im Schwarzwald und vielen weiteren idyllischen Kurorten. Doch in unserem letzten Artikel klargestellt, ist eine Rehabilitation, auch wenn diese in den schönsten Regionen Deutschlands durchgeführt wird, kein Wellnessurlaub. Im Fokus steht nach wie vor die Wiederherstellung der Gesundheit.

In bestimmten Fällen kann eine stationäre Reha sinnvoller sein als eine ambulante Variante. Beispielsweise haben sich einige überregionale stationäre Kliniken auf seltene Krankheiten spezialisiert und können somit eine höhere Qualität und bessere Erfolgschancen aufweisen. Bei einer notwendigen intensiv ärztlichen und pflegerischen Betreuung kann eine stationäre Rehabilitation notwendig sein, denn hier ist der rote Notfallknopf gegeben. [Deutsche Rentenversicherung, 2020]

Die ambulante Rehabilitation

Eine ambulante Rehabilitation ist gleichzeitig eine wohnungsnahe Rehabilitation. Die Deutsche Rentenversicherung versteht unter einer ambulanten Rehabilitation derzeit eine “ganztägig ambulante” Rehabilitation, sprich an Werktagen werden von morgens bis abends Behandlungen durchgeführt. Damit eine ambulante Reha von der Deutschen Rentenversicherung gestattet wird, muss sich die Einrichtung wohnortnah befinden, das bedeutet die Einrichtung muss mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in einer angemessenen Fahrzeit erreicht werden können. Dies setzt gleichzeitig voraus, dass eine ausreichende Mobilität vorhanden sein muss, damit der Patient die Fahrten von Zuhause zur Klinik und zurück bewältigen kann [Deutsche Rentenversicherung, 2020]

Wenn sich der Zustand eines Patienten generell sowohl eine stationäre als auch für eine ambulante Rehabilitation eignet, welche Behandlungsart macht heutzutage am meisten Sinn?

Vorteile der ambulanten Rehabilitation

Sind die gesundheitlichen Beeinträchtigungen also nicht derart ausgeprägt, dass eine kontinuierliche ärztliche oder pflegerische Betreuung erforderlich ist und der Patient die ambulante Klinik selbstständig in einer angemessenen Fahrtzeit erreichen kann, dann bietet eine ambulante Behandlung einige Vorteile gegenüber der stationären Rehabilitation.

Der entscheidende Vorteil der ambulanten Reha ist die Integration in den Alltag und das Lebensumfeld. Der Patient hält sich nur während der Therapie- und Behandlungszeit in der Klinik auf und somit erinnert die “ganztägige ambulante” Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung an einen Ablauf in der Schule. In einem Zeitfenster von circa vier bis acht Stunden finden in der ambulanten Klinik unterschiedliche Behandlungen statt. Der Behandlungsplan wird individuell auf den Patienten und seinen Beschwerden angepasst und ausgerichtet.

Dadurch, dass die Behandlung und Therapie wohnungsnah stattfinden ergeben sich folgende entscheidende Vorteile gegenüber der stationären Rehabilitation:

  • Die Wohnort- und Wohnungsnähe hilft bei der Wiedereingliederung in den häuslichen und beruflichen Alltag
  • Der Patient bleibt in seinem vertrauten sozialen Umfeld und kommt nur zur Therapie und Behandlung in die Reha-Einrichtung somit können vorhandene soziale Kontakte aufrechterhalten werden und häusliche Pflichten in begrenztem Umfang wahrgenommen werden
  • Berufstätige können schneller und besser vorbereitet an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, indem beispielsweise Gespräche zum beruflichen Wiedereinstieg mit Arbeitskollegen oder Vorgesetzten begleitet werden
  • Die Ärzte und Therapeuten können sich unkompliziert mit den Angehörigen des Patienten austauschen, um Informationen zu vermitteln und Konflikte zu vermeiden
  • Der Patient hält sich nur tagsüber während der Behandlung in der ambulanten Klinik auf und kann in seinem eigenen Bett schlafen
  • Die Einbindung von individuellen Alltagserfahrungen wie bspw. der nicht-erhöhten Toilette Zuhause, das Autofahren bzw. die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel können in einem alltagsnahen Training besprochen und angegangen werden
  • Das in der Rehabilitation erlernte kann sofort im privaten und ggf. beruflichen Umfeld angewendet und umgesetzt werden
  • Die Nähe zur behandelnden Akutklinik ermöglicht neben der Betreuung durch den Reha-Arzt auch die medizinische Obhut des operierenden oder behandelnden Arztes
  • Niedergelassene Ärzte in direkte Nähe können leicht einbezogen werden
  • Auch nach einer abgeschlossenen Reha können die behandelnden Reha-Ärzte und Therapeuten weiterhin für den Patienten da sein und mit Leistungen wie einer intensiven Rehabilitationsnachsorge (IRENA), Reha Sport oder einem Gesundheitstraining den Therapieerfolg auch langfristig in gewohnter Umgebung zu festigen

Ambulante Rehabilitation als Zukunftskonzept

Der Vorsatz “Ambulant vor Stationär” hat sich inzwischen in fast allen Bereichen des Gesundheitswesens durchgesetzt. In der medizinischen Rehabilitation sieht dies derzeit noch anders aus, hier überwiegt ein stationäres Versorgungsmodell.

Wie bereits erwähnt befinden sich stationäre Rehabilitationskliniken häufig dort wo es schön ist und nicht dort, wo diese tatsächlich benötigt werden. Man findet die stationären Reha-Kliniken mitten im Schwarzwald, an der Nord- und Ostsee oder in Mecklenburg-Vorpommern. Ein sinnvolles und für die Population ausreichendes ambulantes Konzept existiert nicht. In 2018 erfolgten noch 81 % aller Rehabilitationsleistungen stationär lediglich 15 % aller Leistungen der Deutschen Rentenversicherung erfolgten ambulant (2000 bei 3 %), obwohl zahlreiche Argumente für den Großteil der Patienten für eine ambulante Reha-Versorgung spricht. Dabei ist auch die Behandlung der ambulanten Einrichtung gleichwertig mit der Behandlung in den stationären Kliniken. Hubert Seiter, ehemaliger Vorsitzender der Geschäftsführung der DRV Baden-Württemberg legt außerdem dar, dass in ambulanten Einrichtungen bereits im Jahr 2010 die Zahl der Therapieeinheiten über der in stationären Kliniken liegt [Ärzteblatt, 2010].

Ambulant bedeutet Flexibilität

Neue ambulante Konzepte können vor allem in der Flexibilität punkten. Während eine stationäre Reha den Patienten für ungefähr 3 Wochen aus dem Lebensalltag entreißt und diesen anschließend wieder entlässt können ambulante Konzepte über einen längeren Zeitraum (z.B. 6 Wochen) auf die tatsächlichen Lebensumstände eingehen.

Nicht jeder Patient benötigt drei Wochen Reha am Stück, wo geboten kann eine längere Behandlung notwendig sein. Auch erlauben ambulante Rehabilitationskonzepte eine berufsbegleitende Therapie. Ein Patient, welcher von 08.00 Uhr bis 12.00 Uhr in einer ambulanten Einrichtung seine Knie- oder Rückenbeschwerden behandelt könnte am Nachmittag an Geschäftsterminen im Büro teilnehmen. Eine alleinerziehende Mutter kann die ambulante Reha Ihren Umstände entsprechend anpassen und so trotzdem für die Kinder Morgens und Abends da sein.

Eine lebensnahe Rehabilitation bezieht gleichzeitig das Lebensumfeld, dazu gehört die Familie, etwaige Alltagsbelastungen oder die Arbeitswelt, mit ein, wodurch das Selbsthilfepotenzial stärker aktiviert wird und Rollenkonflikte des Betroffenen häufig nur im ambulanten Setting angegangen werden können [vgl. Prim. Dr. Daniela Gattringer]

Ein ambulantes Konzept lässt sich flexibel gestalten:

  • die Therapiefrequenz ist individuell bestimmbar
  • das Therapieangebot kann individuell und bedarfsgerecht angepasst werden
  • eine Reha kann auch berufsbegleitend stattfinden
  • die Behandlung und die Therapie können komplex über mehrere Wochen oder gar Monate strukturiert und geplant werden
  • reale Alltagsbelastungen können nach Bedarf erprobt und trainiert werden
  • ein interdisziplinärer Behandlungsansatz kann vor Ort stattfinden, das heißt die Einbindung und enge Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen, Physiotherapeuten, Ernährungsberatern und Pflegekräften

Eine ambulante Reha ist flexibel und passt sich den Lebensumständen der Menschen an – nicht umgekehrt – das ist die Zukunft.

Resume

In nahezu allen Bereichen gilt das Motto ambulant vor stationär doch trotz aller Argumente finden noch über 80 % (2018) der Rehabilitationsleistungen stationär und somit fern vom Zuhause des Patienten statt. Gleichzeitig führt die demografische Entwicklung zu einem signifikanten Anstieg des Bedarfs an physikalischer Medizin und Rehabilitation. Eine große Bürokratie bei den Kostenträgern sowie mangelnde Innovationskraft von bestehenden stationären Rehabilitationsanbietern und womöglich feste Immobilienstandorte verhindern derzeit für die Patienten wirklich sinnvolle ambulante Konzepte.

Im Großen und Ganzen bieten urbane und wohnortnahe Rehabilitationskonzepte eine große Chance für eine bessere Gesundheitsversorgung der Menschen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass es keine signifikanten Unterscheide in der Wirksamkeit beider Versorgungsformen gibt. Viele Argumente sprechen nicht nur für den Patienten für die ambulante Version, auch reduziert ein zukünftig überwiegend ambulantes Konzept die Kosten für die Kostenträger enorm – ambulante Rehabilitation ist bis zu 30 % günstiger als die stationäre [Ärzteblatt, 2010] und mit steigender Auslastung und größerer und professionell geführten ambulanten Gesundheitszentren erhöht sich die Effizienz in Zukunft deutlich.

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